Ich verstehe nur Bahnhof
Vielleicht ist es der Wegfall von echten Feindbildern wie dem Ostblock. Jedwede Art von Kontrollverlust will jedenfalls nicht mehr hingenommen werden. Der Wunsch nach etwas, das häufig »Demokratur« oder »Mehrheitsdiktatur« genannt wird, scheint größer den je. Dabei geht es uns insgesamt besser den je.
Stuttgart ist das Paradebeispiel von völlig überzogener Handlungsweise. Sowohl von der Polizei in zweiter Position aber vor allem auch durch die Bevölkerung. Von »Mahnwachen« liest man und von »Geschichte schreiben«. Schon vor einigen Tagen ist mir diese Attitüde bei S21-Demonstranten aufgefallen. »Widerstand«. Als würde man demnächst Flugblätter von den Balkonen der Ludwig-Maximilian-Universität werfen. Manche Tweets am gestrigen Tag waren so weit entfernt von der Realität, dass man sie urkomisch finden würde, wenn nicht zum gleichen Zeitpunkt Menschen verletzt worden wären (Abb 2).
Auf einen Außenstehenden, besonders auf die die für Visionen der Freiheit gekämpft haben, wirkt dies wie Hohn und Spott auf echte Probleme.
Denn — ja — es ist im Grunde nicht mehr als ein langweiliges Prestige-Objekt. Eine Nichtigkeit gegen die Probleme der Welt. Ein Bahnhof soll neu gebaut werden. Überteuert, planungstechnisch ein Horror und so weiter. Also das, was schon immer gemacht wurde. Niemand würde aufgrund der Existenz dieses Bahnhofes sterben, Hunger leiden oder flüchten müssen. Alte Bäume sollen gefällt werden. Aber ist es das wert? Ist es das wirklich wert? Früher wären die einzigen Demonstranten ein paar Naturfundamentalisten mit Rastazöpfen gewesen. Ich war wirklich auch gegen den Bau des Bahnhofs, aber was derzeit in Stuttgart von Statten geht, stellt alles, was über die Gewalt der Bevölkerung in der Geschichte erreicht und bewegt wurde, zur Disposition. Um den Bahnhof ginge es schon lange nicht mehr, heißt es. Sondern es sei ein Kampf gegen die Unbeugsamkeit der Politiker. Aber um mal prinzipiell zu sein: Diese Politiker wurden gewählt und es hat einen Sinn, dass nicht jede Emotion in der Bevölkerung sofort in Taten umgesetzt wird. Dass es das gute Recht auf Demonstration gibt, heißt nicht, dass diese auch erfolgreich sein müssen. Aber da sind wir wieder: Bei der Mehrheitsdiktatur. Man will Politik nur noch in Ja/Nein-Antworten betreiben. Dass das das Gegenteil von Politik ist, soweit denken die meisten nicht. Oder es ist ihnen einfach egal.

In der DDR haben Menschen demonstriert, weil sie der Staat unterdrückt und ausspioniert hat. In der Bundesrepublik werden Mahnwachen gegen die Verbrechen des NS-Regimes und der RAF gehalten. Es gab Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Und jetzt? Wegen eines unterirdischen Bauwerks das nichts anderes als Geld kostet? Als DDR-Bürgerrechtler muss man sich geradezu lachhaft vorkommen bei der Betrachtung der derzeitigen Geschehnisse und der Aufmerksamkeit, die bis hin zu Anne Wills Talkshow reichte, aber auch nur weil der Schauspieler Walter Sittler unter den Demonstranten ist.
Die Polizei hat viel zu hart eingegriffen und ich bin sofort dabei, deren Kennzeichnung zu fordern, aber wer von den Demonstranten den Fokus nun auf die böse Polizei schiebt, der versucht nur sich rauszureden aus der Intensivität mit der der Bahnhof bekämpft wurde als handle es sich um die Unterdrückung Tibets. Davon hat man schon während der Olympiade in China kaum mehr etwas gehört.
Genau diese Dinge sind es nämlich, die uns inzwischen kalt lassen. Vor Weihnachten ein bisschen spenden um sich Ablass zu kaufen und das war’s. Man stürmt aber auf ein paar Bagger und stilisiert die Gegnerschaft von S21 bist fast zum »Wir sind das Volk« (und eine Regierung brauchen wir nicht). Das ist wirklich schändlich und degradiert und beleidigt alle echten und bestehenden Probleme in unserem Land und in der Welt. Es geht um Geld und ein paar alte Bäume. Get over it: Ihr habt diese Regierung gewählt, jetzt wird gegessen was auf den Tisch kommt. Gewusst hat man es. Aber das ist in Bayern mit der 3. Startbahn des Münchener Flughafens und der Autobahnverbindung durch das Isental das selbe.
Ich mache den Demonstranten nicht den Vorwurf für oder gegen S21 zu sein. Ich mache ihnen aber den Vorwurf mit einer unvergleichbaren Tunnelsicht auf diese Projekte zuzugehen und dadruch mit einer immensen Aggressivität — in Anbetracht der Banalität dieser Projekte — eine Meinungsdiktatur zu propagieren: »Nur ich habe die richtige Meinung und wenn die nicht auf der Stelle umgesetzt wird lasse ich alles stehen und liegen und mache Randale.« Akzeptanz und Zurückhaltung — Fehlanzeige. Der Mehrheit der Menschen scheint es inzwischen zu fehlen, etwas einfach zu schlucken wenn es durch ist.

Auf Twitter war noch etwas zu spüren von differenzierenden Menschen. Michael, Christian und einige weitere artikulierten Gegenpositionen. Ansonsten war der gestrige Tag voller mit S21-Tweets als zu besten Zeiten der »Grünen Revolution« im Irak es diesbezügliche Tweets gab. Zu allem Unsinn kommt noch hinzu, dass dies rechten Bloggern in die Hände spielt, wie das JU-Meinungspuppe m4gic zeigt.
Wenn man nur Bahnhof versteht bleibt der Blick etwas ungetrübter und man kann sich wohl etwas objektiver eine Meinung bilden. Der Ansturm und die Aufmerksamkeit auf und für S21 ist jedenfalls völlig unverhältnismäßig. Drei Tage vor dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung wird demonstriert. Aber nicht etwa für Datenschutz und Bürgerrechte, gegen Not und Hunger, gegen Vertreibung und Unterdrückung, Völkermord oder Rassismus. Nein. Gegen ein Bauvorhaben. Unrühmlich.
Kommentare
[…] spannenden Text zu den Ereignissen von Stuttgart 21 verfasst, den ich bemerkenswert finde. “Ich verstehe nur Bahnhof” will sagen, dass die Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt überzogen sind, die […]
[…] „Ich verstehe nur Bahnhof“ – über Stuttgart 21 […]
[…] Maier hingegen, der er in seinem Blogpost deine ähnliche Richtung einschlägt, mag ja nicht ganz unrecht haben, wenn er in […]
[…] verwunderliche Reaktionen aus der Blogosphäre habe ich zudem über’s Wochenende gelesen. Diese wurden […]
[…] zu einer totalen Erkenntnis gelangen oder man besäße sie bereits. GUnd gerade das hat dann zu den seltsamen Unruhen um das Bahnhofsprojekt geführt. Man scheint zu gut informiert zu sein, beziehungsweise das zumindest zu […]
[…] die eigentliche Katastrophe, der Tsunami, von dem hört man schon gar nichts mehr. Und so weiter (über den Bahnhof habe ich mich bereits einmal ausgelassen). Das heißt natürlich nicht, dass diese Gegnerschaften nicht im einzelnen am Ende auch Sinn […]
[…] toller und interessanter Satz. Und er bezeichnet all die Hysterien, die derzeit in Mode sind (S21, Atom, Terror, Jugend, Minarette, Ausländer, …) und stellt die Diagnose: Wir sind […]

[…] http://thomasmaier.me/2010/10/ich-verstehe-nur-bahnhof/ […]