Der wahre Feigling

August 31st, 2010 in with 9 Comments
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Gefah­ren lau­ern nie dort, wo man sie ver­mu­tet. Das würde ihnen nicht gerecht wer­den. Ent­lar­vung der Sarrazin-Debatte.

Sar­ra­zin ist Mit­glied der SPD und hat mit ihr im Moment so wenig gemein, nicht wahr? Und so ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass er seit gerau­mer Zeit auch dort Schutz erhält, wo man sie nicht im ers­ten Moment erwar­ten würde, wie das bei Prof. Dr. Slo­ter­dijk der Fall ist, der sei­nes Zei­chens Rek­tor mei­ner Hoch­schule ist. Eben die­ser sieht Sar­ra­zins Kri­ti­ker als Feig­linge. Macht sich gar über sie lus­tig. (Anm. des Autors: Slo­ter­dijk äußerte sich im Fol­gen­den noch bevor Sar­ra­zins Buch erschien und bezieht sich des­halb auf Sar­ra­zins Aus­sa­gen, die er davor machte) Er schreibt:

Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandende Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. via

Slo­ter­dijk benutzt eine ähnli­che euphe­mis­ti­sche Wort­wahl wie Sar­ra­zin: »Unvor­sich­tig« schreibt er und meint dabei »mutig«. Denn es sei heut­zu­tage Mut nötig, um Dinge, die schein­bar Viele nur den­ken, laut aus­zu­spre­chen. Slo­ter­dijk schützt Sar­ra­zin nur von der Meta-Ebene aus und nimmt nicht selbst des­sen Inhalt an (was man bei man­chen Rechts­li­be­ra­len wie Bolz nicht zwei­fels­frei behaup­ten kann). Voll auf­ge­saugt in den Schlauch der kon­ser­va­ti­ven Res­sen­ti­mens, die ein­tre­ten, wenn Men­schen die Fähig­keit ent­glei­tet, die Gesell­schaft der Gegen­wart zu ver­ste­hen und die Undeut­bar­keit der Gesell­schaft der Zukunft zu akzep­tie­ren. Eine »Deut­lich­keit«? Ja, deut­lich war er zu hören. Die Debatte lief jedoch bereits. Dazu ist Sar­ra­zin nicht not­wen­dig. Aber noch viel mehr als Sar­ra­zin schei­nen für Slo­ter­dijk des­sen Kri­ti­ker die Feig­linge zu sein. Dabei ist es umgekehrt.

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Sar­ra­zins Buch ist von Anfang bis Ende ein rie­si­ger Euphe­mis­mus: Mit peni­bler Genau­ig­keit wer­den Wör­ter wie »Rasse« und »Über­frem­dung« gemie­den. »Rasse« kommt nur schwer angreif­bar an einer Stelle vor. Und gegen Ende des Buches schei­nen die Lösun­gen, die Sar­ra­zin vor­schlägt, gera­dezu so, als könn­ten sie von den Grü­nen kommen.

Denn Sar­ra­zin ist ein Feig­ling. Er gibt sich sei­nen Angst­vor­stel­lun­gen von der Zukunft hin, stillt den Hun­ger sei­ner Res­sen­ti­ments. Aber den Mumm, die Schlüsse aus sei­nen eige­nen The­sen zu zie­hen, den hat er nicht. Denn da bleibt nicht viel übrig: Die ein­zige Lösung wäre, Migran­ten aus dem Land zu wer­fen. Bis dahin könnte man ihnen ver­bie­ten, Kin­der zu bekom­men. Mus­li­mi­sche Frauen ste­ri­li­sie­ren, mus­li­mi­sche Män­ner kas­trie­ren. Ein­wan­de­rer müss­ten Intelligenz-Tests als allei­ni­ges Auf­nah­me­kri­te­rium beste­hen nur bis man die Mög­lich­keit hat, jeman­den per DNA-Check abzu­wei­sen oder ein­wan­dern zu las­sen. Sar­ra­zin ist kein Expan­si­ons­po­li­ti­ker, sonst käme die Mas­sen­ver­nich­tung nur noch als Bei­lage hinzu.

Das sind die wah­ren The­sen Sar­ra­zins und die Lösung der Pro­bleme wür­den sie ent­lar­ven. Doch dann müsste sich Sar­ra­zin ein­ge­ste­hen, dass sein Gedan­ken­gut sich kaum von dem unter­schei­det was Udo Voigt tag­täg­lich von sich gibt. Nur, dass Udo Voigt den Anstand hat, viel mehr die Kon­se­quen­zen zu zie­hen und zu akzep­tie­ren. Aber vor sei­nen eige­nen Lösungs­an­sät­zen hat Sar­ra­zin große Furcht. Nur aus dem Grund ist sein Buch ein Hin­der­nis­lauf der Euphe­mis­men, an deren Ende alt­be­kannte Vor­schläge aus der Mitte der Poli­tik ste­hen: Der Grü­nen, der SPD, der FDP und der CDU/CSU.

Sar­ra­zin ist damit nur ein beson­ders eit­ri­ges Geschwür eines Trends: Die, die seine Ideo­lo­gie mit ver­tre­ten, sind zu feige, die NPD zu wäh­len. Diese Mei­nung hat kein Denk– oder Sprech­ver­bot. Sar­ra­zins Mei­nung ist von der Mei­nungs­frei­heit gedeckt. Aber was hat das Grund­ge­setz damit zu tun, ob jemand aus einer Par­tei oder einer ande­ren Insti­tu­tion gewor­fen wird? So weit ich weiß, hat Mar­got Käß­mann nicht gegen das Grund­ge­setz ver­sto­ßen, und sie ging trotz­dem frei­wil­lig nach ihrem Alkohol-Skandal.

Wer die Ansich­ten Sar­ra­zins teilt, kann längst die ent­spe­chende Par­tei dazu wäh­len. Aber das tun Sar­ra­zin und seine Wil­ders, Bar­rings, Hen­kels und Co. nicht. Und die schein­bar so vie­len Wäh­ler einer (noch) nicht exis­ten­ten sechs­ten Par­tei rechts der CDU auch nicht. Da sind sie zu fein. Das ist zu muf­fig. Zu direkt braun. Man ist da zu ete­pe­tete. Eine sechste Par­tei wird erst dann ent­ste­hen kön­nen, wenn die NPD ver­bo­ten ist. Des­halb ist es so wich­tig, dass es die NPD gibt. Um die Gefahr im Auge behal­ten zu kön­nen. Die NPD ist ein Puf­fer. Und ich hoffe, er reicht aus um den Spa­gat zwi­schen der moder­ner wer­den­den CDU und der NPD nicht reis­sen zu las­sen. Denn was dann noch nach einem Ver­bot hin­zu­käme, wäre Sym­pha­tie für die extre­men Rech­ten, die dann wirk­lich einen Maul­korb ver­passt bekä­men. Und die käme dann wirk­lich aus der rech­te­ren Mitte. Sar­ra­zin wäre jedoch der Ein­zige, der das Vakuum fül­len könnte. Und das wird er nicht tun. Dazu ist er zu feige.

Die wah­ren Muti­gen sind die Kri­ti­ker, die Geg­ner Sar­ra­zins. Die, sei­ner rechts­po­pu­lä­ren Aus­sage nach, es gäbe eine Dis­kre­panz zwi­schen der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung und eine Mehr­heit einer unver­öf­fent­lich­ten Mei­nung, die er nun »end­lich« aus­spricht, gar in der Unter­zahl zu sein schei­nen. Denn wie immer bei rech­ten Ideo­lo­gien, ist der Kri­ti­ker der »Gut­mensch«. Der »Sozi­al­ro­man­ti­ker«. Und die Argu­mente schei­nen zitt­rig und schwach gegen­über der geball­ten »Fak­ten« Sar­ra­zins. Dabei geht es um genau das: Der Mensch ist keine Zahl. Kein Ele­ment von Sta­tis­ti­ken. Er ist ein unkon­trol­lier­ba­res freies Radi­kal mit nicht mess­ba­rer Krea­ti­vi­tät, einem unbe­schreib­li­chen Intel­lekt und einem Wesen, das über das Erb­gut hin­aus geht. Sar­ra­zins Flucht in die Zah­len ist nicht nur feige, son­dern auch gefähr­lich. Er miss­braucht Dar­win, wie es schon seit Jahr­zehn­ten kei­ner mehr mit die­ser Popu­la­ri­tät getan hat und defi­niert seine Welt­an­schau­ung und sein Men­schen­bild klar auf der Basis roher Zah­len. Frank Schirr­ma­cher hat dazu einen Arti­kel geschrie­ben, dem kaum mehr was hin­zu­zu­fü­gen ist. Dar­aus:

Ein Kernsatz des Buches lautet: »Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ,survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.«

Das sind unerhörte Sätze. Und Sarrazin weiß das. Es ist schlichtweg unseriös, wie fahrlässig er mit seinen Quellen umgeht. Der schnelle Leser wird die These von der angeblichen überproportionalen Vermehrung der Dummen und den Hinweis auf Darwin im besten Fall als These zur Kenntnis nehmen. Ganz anders aber würde er hier aufmerken, wenn er wüsste – und das verschweigt Sarrazin ihm –, wie Darwin diesen Prozess nennt: »Es ist überraschend, wie schnell eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Entartung einer domestizierten Rasse führt. Doch abgesehen vom Fall des Menschen ist niemand so töricht, seine schlechtesten Tiere zur Zucht zuzulassen«.

Das ist nicht der ein­zige Arti­kel von Frank Schirr­ma­cher zu die­sem Thema, neben­bei bemerkt.

Sar­ra­zin ist ein Feig­ling, der sich nicht traut, seine eige­nen The­sen zu schluss­fol­gern, der sich der Gegen­wart ver­wei­gert und stets mit alt­be­kann­ter Atti­tüde rechts­po­pu­lis­ti­scher Poli­ti­ker seine Kri­ti­ker vor­führt und die hilf­lo­sen Jour­na­lis­ten ver­speist, wäh­rend die klu­gen Jour­na­lis­ten ent­we­der gleich den Stift bei­seite legen oder den Mut auf­brin­gen, ihm etwas außer Reich­weite des Reißer-Journalismus etwas entgegenzusetzen.

Wird Deutsch­land muslimisch?

Nein. Selbst wenn man sich auf Sar­ra­zin ein­läßt wer­den auch im isla­mi­schen Glau­ben die reli­giö­sen Zer­set­zung­pro­zesse immer stär­ker wer­den. Wie das im Chris­ten­tum eben auch war und ist. Eine Radi­ka­li­sie­rung von streng Gläu­bi­gen ist dafür der Beweis. Evan­ge­li­kale und Isla­mis­ten sind glei­cher­ma­ßen die Aus­ge­burt einer Moder­ni­sie­rung und Eman­zi­pa­tion von Glau­ben und Reli­gion. Denn diese erhe­ben Anspruch auf eine unum­stöß­li­che Moral ohne auf den Wan­del von Moral und Wer­ten ein­zu­ge­hen. Wis­sen­schaft macht uns nicht glück­li­cher oder siche­rer, aber sie lässt uns wis­sen, aus wel­chem Grund wir Angst haben.

Ideal wäre also ein Staat an den sich kein reli­giö­ses Adjek­tiv legen lässt. Bis 1945 waren wir schein­bar das »christ­li­che Abend­land«, ab 1945 schein­bar das »christlich-jüdische« Abend­land. Dabei soll­ten wir das christlich-jüdisch-muslimisch-buddhistisch-hinduistisch-mormonisch-…-… Man sieht wor­auf das hin­aus­läuft. Auf „Land“. Ohne Vor­zei­chen. Und um das noch wei­ter­zu­trei­ben: Gar »Land« sollte falsch sein. Das Modell »Natio­nal­staat« ist ein Brü­cken­mo­dell, denn unsere tech­no­lo­gi­schen Struk­tu­ren las­sen immer grö­ßere Ver­wal­tungs­be­rei­che zu. Stämme haben sich abge­schafft, Her­zog­tü­mer und frü­her oder spä­ter auch Natio­nal­staa­ten. Die USA und die EU sind Modelle dafür. Und die tech­no­lo­gi­schen Struk­tu­ren rund um das Inter­net, wer­den dies noch in viel grö­ße­rem Aus­maß mög­lich machen.

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9 Comments and Trackbacks

[…] —>Hier ent­lang, Prä­di­kat Lesenswert. […]

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[…] emp­fahl heut im Rea­der die­sen net­ten Text über Sar­ra­zin… Mist! Mit die­sem Satz habe nun auch ich Herrn Sar­ra­zin den Gefal­len getan, auf ihn auf­merk­sam zu […]

[…] schrei­ben, wenn andere Men­schen so gut auf die The­sen und den Hype um ein Buch ant­wor­ten. “Der wahre Feig­ling” von Tho­mas Maier zum Bei­spiel. « Die geben so schnell nicht […]

[…] “Deut­sche nicht mehr bei Mos­lems kau­fen”? Oder die ers­ten Schei­ben ein­ge­wor­fen wer­den? Wo anders las ich genau das, und es leuch­tet mir ein: Der Kon­se­quenz der The­sen Sar­ra­zins ist nichts ande­res als […]

[…] habe eigent­lich keine Lust mehr, auf sol­che Leute, denn sie sind angst­ge­trie­ben, asos­zial und feige und mit sol­chen Leute will man eigent­lich nichts zu tun […]

[…] Tho­mas Maier über Slo­ter­dijk und Sar­ra­zin: Der wahre Feigling […]

[…] Satz. Und er bezeich­net all die Hys­te­rien, die der­zeit in Mode sind (S21, Atom, Ter­ror, Jugend, Mina­rette, Aus­län­der, …) und stellt die Dia­gnose: Wir sind Angst­men­schen gewor­den. Das sowieso schon als […]

[…] mit sich bringt, wer­den der­zeit noch nicht oder nur zurecht­ge­rückt dis­ku­tiert – jeder legt sich seine Fak­ten so, wie er sie braucht. Aber gibt es die reine Infor­ma­tion über­haupt? Die Frage ist also, wie wir […]